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„Erstaunlicherweise wird in der aktuellen Diskussion über die schlechtesten PISA-Ergebnisse aller Zeiten, der Kompetenzabstieg der Leistungsstarken, um fast 50 % im 10-Jahresvergleich, kaum beachtet“, meint Susanne Braun-Speck vom sii-kids & -talents e.V. aus Reinfeld (Holstein), auch Herausgeberin des Gemeinschaftsbuches „Nachhaltige Bildung. Nachhaltige Schule“ (siehe Blogbeitrag). 


Laut der PISA-TUM Analyse für Deutschland (Seite 10) machen die leistungsstarken Schüler:innen (Kompetenzstufe 5 und 6), die auch komplexe Aufgabenstellungen mit wenig gegebenen Informationen lösen können, insgesamt nur noch 9 % aus.  Im Jahr 2018 waren es noch 13 %, 2012 waren es 17 % – also sind im Zehnjahresvergleich in 2022 nur noch rund halb so viele Schüler:innen fähig, Leistungsstufe 5 und 6 zu erreichen. Am Gymnasium beträgt der Anteil leistungsstarker Schüler:innen 21 %, während dieser 2012 noch bei 40 % lag (das sind ebenfalls circa 50% weniger).

Generell ist die Frage, ob bei PISA 2022, wegen der Corona-Pandemie nicht noch viel mehr Gesundheit und Wohlbefinden der Schüler:innen betrachtet und diskutiert hätte werden müssen?

Angst- und Stressfaktoren durch die Pandemie; Depressionen durch Einsamkeit während des Homeschoolings, ebenso wie ein Mangel an ausgleichenden Freizeit-Aktivitäten und sich möglicherweise entwickelte Computer- und Mediensucht?    

Laut OECD-Berlin gaben 45% der Schüler:innen in PISA 2022 an, dass sie sich nervös oder unruhig fühlen, wenn sie ihre digitalen Geräte nicht griffbereit haben – grenzt das schon an Suchtverhalten? 65 % berichteten von Ablenkungen durch digitale Geräte, zumindest in einigen Mathestunden.  

Die Daten, laut PISA-Länderprofil Deutschland, Seite 7, zeigen auch, dass sich in Bildungssystemen, in denen die Leistungen auf hohem Niveau geblieben sind, sich das Zugehörigkeitsgefühl der Schüler:innen verbessert hat, sie sich tendenziell sicherer fühlen und weniger mit Mobbing und anderen Risiken an ihrer Schule konfrontiert sind. Dennoch geben etwa 21 % der Mädchen und Jungen an, mindestens ein paar Mal im Monat Opfer von Mobbing zu sein.   


Laut dem Buch “Visible Learning” (2018, Tabelle von Seite 143) und der Studien von Klaus Zierer und John Hattie, welche auf 1.400 Meta-Analysen beruht, sind die schädlichsten Faktoren, also die “Verhinderer” für gute Schulleistungen:   

  • Angst (-37)  
  • ADHS (-0,90)  
  • Depressionen (-35)  
  • Langeweile (-0,49)  
  • körperliche Züchtigung im Elternhaus (-33)  
  • Unbeliebtheit in der Klasse (-23) (dieser Punkt steht auf einer anderen Buchseite)  
  • Fernsehen (-15)  

„Fernsehen“ dürfte heutzutage durch „Digitale Endgeräte, Online-Spiele und -Medien“ ersetzt werden können und die Negativwirkung deutlich stärker ausfallen. Während der Corona-Pandemie nahmen Angst, Depression und Langeweile sowie Züchtigungen im Elternhaus zu, was verschiedene Studien aufzeigen, etwa die COPSY-Studie des UKE-Hamburg 2020 oder DAK Kinder- und Jugendreport 2022

„Absolut wahrscheinlich ist, dass sich durch hohen und ablenkenden Medienkonsum (auch im Unterricht), Angst, Langeweile, etc. sowie körperliche Gesundheitseinschränkungen und psychisches Unwohlsein die Leistungen generell verschlechtern – möglicherweise auf Dauer“! (Braun-Speck)


Ohne all dies zu beachten, fordern Politik und Bildungswissenschaftler infolge der schlechten PISA-Ergebnisse in 12/2023 Maßnahmen, die sich vor allem um Schüler:innen mit Migrationshintergrund drehen.   

Die ehemalige KMK-Präsidentin und amtierende Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, Karin Prien, sagte in der Debatte des schleswig-holsteinischen Landtags am 13.12.2023, die Lösung sei: In die Qualität des Lehrkraftberufes zu investieren, da es insbesondere in Mathematik an Unterrichtsqualität mangelt. Auch die Langeweile im Unterricht würde für wenig Interesse und damit schlechtere Leistungen sorgen. Das ist in Bezug auf Gymnasiasten sicherlich eine gute Antwort. Andere Politiker fordern mehr Zeit und Ressourcen für die Basiskompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen und vor allem: mehr Wiederholungen.   

Wiederholungen? Aber keine Kreativitäts- und Begabtenförderung? Zukunfts- inklusive Medienkompetenzförderung? Recherchieren, Informationen verstehen und wiedergeben?    

Insbesondere die Wünsche von Politikern nach mehr Wiederholungen halten einige Autoren:innen des Buches für kontraproduktiv! Denn dies würde bedeuten, dass es mehr Wiederholungen für ALLE Schüler:innen geben würde, denn differenzierter Unterricht ist mehr theoretischer Traum, anstatt Realität. Als Vorsitzende unseres Vereins erreichen mich (Autorin von diesem Beitrag) seit mehr als 10 Jahren immer im September und Oktober eines Jahres die meisten Hilferufe von Eltern.   

Von Eltern, deren besonders interessierte und begabte Kinder gerade eingeschult wurden und sofort frustriert sind. Denn Kinder, die vielleicht schon bei der Einschulung lesen, schreiben und rechnen konnten oder es aufgrund ihrer schnellen Auffassungsgabe sehr schnell gelernt haben und dann in der Grundschule sitzen und die gleichen Aufgaben machen müssen wie Schüler:innen mit Migrationshintergrund und Deutsch als Zweitsprache (DAZ), langweilen sich nicht nur, sondern ziehen sich innerlich zurück, verweigern die Mitarbeit, werden teilweise aggressiv oder depressiv.  

Mit noch mehr Wiederholungen für ALLE Schüler:innen wäre ein unfassbar großer Fehler!

Eine Idee, um die Leistungen der Schüler:innen wieder verbessern zu können, wäre beispielsweise ein Abspecken der – überfrachteten – Lehrpläne um 20%. Denn diese enthalten generell zu viel realitätsfernes Wissen, welches Schüler:innen kaum oder gar nicht auf ihre zukünftige Lebens- und Arbeitswelt vorbereitet.

„Dieser neue Freiraum würde mehr Zeit für individuelles und projektorientiertes Lernen, beispielsweise an 4plus1-Projekttagen ermöglichen. An diesen könnten externe Bildungspartner eingebunden werden, um auch dem Lehrermangel entgegenwirken zu können. Darüber hinaus würde dies auch zu einer Belastungs- und Stressreduktion aller an Schule Beteiligten beitragen, was sich mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls sehr positiv auswirken würde. Denn nur ein stressfreier Geist kann fliegen lernen“ (Susanne Braun-Speck, 12/2023)!   


Ausblick auf PISA 2025:   

 Laut OECD wird sich die PISA-Erhebung 2025 vorrangig auf die Erfassung natur- und umweltwissenschaftlichen Kompetenzen (kurz: NAWI) mit Nachhaltigkeitsbezug konzentrieren. Zusätzlich werden zwei neue Bereiche eingeführt: Fremdsprachenkompetenz und Lernen in der digitalen Welt.    

Die Inhalte des natur- und umweltwissenschaftlichen PISA-Tests beziehen sich im Grunde genommen auf Nachhaltigkeitsziele. Die im Framework genannten Themen lassen sich teilweise direkt den SDGs (Sustainable Development Goals der UN) zuordnen. Beispiele:   

  • Gesundheit und Krankheit > SDG 3 (Gesundheit & Wohlbefinden), SDG 6 (sauberes Wasser)
  • natürliche Ressourcen > SDG 12 (Nachhaltiger Konsum und Produktion), SDG 16 (Leben an Land)
  • Umweltqualität (einschließlich Umweltbelastungen und Klimawandel) > SDG 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz)  

Gemäß Framework “Lernen in der digitalen Welt” wird in dem Testbereich die Fähigkeit der Schüler:innen untersucht, wie gut sie in einem iterativen (wiederholenden, schrittweisem) Prozess ihr Wissen mit digitalen Werkzeugen erweitern und Probleme lösen können.  Der Test- bzw. Erhebungsbereich „Fremdsprachenkompetenz“ wird die wichtigsten Sprachkompetenzen beinhalten, die zum Studieren und Arbeiten in einer globalisierten Welt benötigt werden.  

Wie Schüler:innen darauf vorbereitet werden können?    

Dazu gibt es unzählige Ansätze und Ideen im Buch „Nachhaltige Bildung. Nachhaltige Schule“, basierend auf Medienkompetenzentwicklung / Digitale Bildung sowie BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung).  Außerdem liegt den Autoren:innen Kreativitäts- und Begabtenförderung am Herzen, wozu im Buch ebenfalls diverse Beiträge geschrieben stehen.

Mehr Infos dazu unter: https://sii-talents.de/buch-nbns/